Prof. Dr.-Ing. Dr. rer. nat. Thomas Beth

Nachruf/Obituary


16.11.1949 - 17.08.2005

Prof. Dr.-Ing. habil. Dr. rer. nat. Thomas Beth, Ordinarius für Informatik und langjähriger Sprecher des Instituts für Algorithmen und Kognitive Systeme (IAKS) an der Fakultät für Informatik der Universität Karlsruhe (TH), wurde am 16. November 1949 in Hannover geboren. Er studierte Mathematik, Physik und Medizin an der Universität Göttingen und promovierte 1978 nach seiner vierjährigen Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Erlangen-Nürnberg im Fach Mathematik.

Nach seiner Habilitation im Fach Informatik an derselben Universität 1984 baute er 1984-1985 als Professor of Computer Science und Head of Department of Computer Science and Statistics am Royal Holloway College der University of London die Forschungsgruppe Kryptographie auf.

Im Jahre 1985 nahm er einen Ruf an die Universität Karlsruhe (TH) auf einen Lehrstuhl an der Fakultät für Informatik an und gründete dort zusammen mit Kollegen das Institut für Algorithmen und Kognitive Systeme, das er seitdem als Sprecher vertrat.

Die wissenschaftliche Arbeit von Herrn Beth war geprägt von dem Bestreben, algorithmische Strukturen im Rahmen von Gesamtsystemen zu verstehen. Die mit der algebraischen Beschreibung von allgemeinen Fourier-Transformationen in seiner Habilitationsschrift begonnene Forschungsrichtung führte er an seinem Institut hin zu einer modernen digitalen Signal- und Bildverarbeitung. Es entstanden automatische Zerlegungsmethoden, aus der sich effiziente Algorithmen in verschiedenen Bereichen ergeben. Auch in der medizinischen Bildverarbeitung wurden ausgehend von der algebraischen Modellierung neue Verfahren entwickelt. Schon früh erkannte er die Bedeutung der Wavelet-Transformation für die Kompression und Klassifikation von Daten aus unterschiedlichsten Prozessen. Diese Untersuchungen waren geleitet durch den Ansatz, Lösungen für Signalverarbeitungsaufgaben in breitgefächerten Anwendungsgebieten durch mathematische Analyse und Synthese automatisch zu entwickeln und in kohärenten Prozeßschritten sofort in hochintegrierte Schaltungen umzusetzen, um Ineffizienzen und Fehlermöglichkeiten weitestgehend auszuschließen.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgte Herr Beth in einem weiteren Forschungsgebiet, der Kryptographie. Die durch ihn erfolgte Gründung des Europäischen Instituts für Systemsicherheit (E.I.S.S.) im Jahre 1988 und dessen Leitung belegen, daß er auch hier stets den praktisch einsatzfähigen Gesamtsystemansatz im Auge behielt. In der Kryptographie setzte Thomas Beth seine fundierten Kenntnisse der mathematischen Gebiete Kombinatorik und Algebra sehr erfolgreich ein. Er war Organisator einer der ersten internationalen Kryptographie-Konferenzen in Europa auf Burg Feuerstein 1982, woraus die in diesem Gebiet angesehene Konferenzreihe EUROCRYPT hervorging.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, daß Herr Beth sehr früh begann, sich mit dem neu entstehenden Arbeitsgebiet des Quantum Computing auseinanderzusetzen. Dieser Themenkomplex an der Schnittstelle zwischen Informatik, Mathematik und Physik reizte ihn als Forscher, aber auch wegen der Implikationen im Hinblick auf neue Rechenverfahren, die eventuell sogar nach bisherigem Wissen als "praktisch sicher" betrachtete Verschlüsselungsverfahren angreifbar werden lassen könnten. Thomas Beth wurde so auf nationaler und europäischer Ebene Wegbereiter für das interdisziplinäre Forschungsgebiet Quantum Computing. Seine Aktivitäten führten zum ersten DFG-Schwerpunktprogramm sowie dem ersten europäischen Förderprogramm in diesem Bereich. In Deutschland leitete er die erste und größte Quantum-Computing-Arbeitsgruppe in der Informatik.

Innerhalb der Karlsruher Informatikfakultät war er Mitinitiator der neuen Forschungsrichtung Anthropomatik. Diese junge Disziplin hat das Ziel, die Beziehungen des Menschen zu seiner Umwelt mit Methoden der Informatik aufzudecken und zu modellieren, um angepaßte Lösungen für individuelle Bedürfnisse bereitstellen zu können.

Thomas Beth sah Forschung und Lehre stets als Einheit. Die Weitergabe seines Wissens war ihm immer ein großes Anliegen. Er suchte und förderte den Dialog auf allen Ebenen - in Vorlesungen, am Institut, innerhalb der Fakultät sowie bei nationalen und internationalen Tagungen. Viele seiner Schüler sind heute in leitenden Positionen in Wissenschaft und Wirtschaft tätig.

Trotz seiner schweren Krankheit engagierte sich Thomas Beth unvermindert für die Zukunft der Informatik, die er leider nur ein Vierteljahrhundert mitgestalten konnte. Er verstarb am 17. August 2005.


Der Trauergottesdienst fand am 2. September 2005 um 15 Uhr in der Evangelischen Stadtkirche Karlsruhe, Marktplatz, statt.